Die Religionen des Menschen waren immer in sich vernünftige Gebilde: der Mensch drückte in ihnen die Erfahrung einer grundlegenden Ordnung der Alltags- und Erfahrungswirklichkeit aus. Religiöse Erfahrungen zeigten sich in der Hoffnung, dass diese Wirklichkeit in einem übergeordneten und vernünftigen Seinszusammenhang steht. Diese Erfahrungen waren immer existentieller Natur. Die Rezeption solcher existentieller Erfahrungen geschah in verschiedenen Kontexten, die den jeweiligen Neigungen und Prägungen der Menschen entsprachen. Beispielsweise waren die philosophischen Gottesbeweise keine wirklichen Beweise im eigentlichen Sinn, vielmehr waren sie Hinweise auf die Bedingungen, aus denen die Gottesannahme zwingend folgt. Um solche Erwägungen anstellen zu können, muss der Mensch bereits in eine grundlegende transzendente Wirklichkeit und Erfahrung hineingenommen worden sein, denn sonst würde das Bestreben gegen die menschliche Vernunft verstoßen. Es gibt keine religiöse Philosophie oder andere Disziplinen ohne eine vorangegangene Erfahrung. So wie es auch kein Gebet und keine auf Gott bezogene Handlung ohne eine erlebte göttliche Wirklichkeit geben kann. Wo diese Erfahrung fehlt, wird Philosophie zur mentalen Spekulation, weil im menschlichen Geist Konstrukte und Ideen gleichwertig sind, sofern sie nicht mit einer existentiellen Erfahrungen verbunden werden. Wir können das als einen Hinweis darauf verstehen, dass die geistigen Fähigkeiten des Menschen intellektuell gesehen seine Höchstleistung sind: erst durch die existentielle Erfahrung transzendiert der Mensch manche dieser (scheinbar gleichwertigen) Begriffe und verbindet sie mit dem Bereich, den die Religionen versuchen in Bildern zu beschreiben. Die Erfahrung selbst ist das, was jenseits des Begrifflichen liegt und sich in Bildern formuliert, die dem Menschen bestenfalls intuitiv zugänglich sind. Alle philosophisch höheren Religionen, die Transzendenz in einer personalen Beziehung erleben, formulieren deshalb die Wichtigkeit, das Denken und Tun auf Gott auszurichten und sich in Hingabe und Dienst selbst zu erfahren. Dadurch werden unsere Alltagstätigkeiten und folglich unser Alltag mit der transzendentalen Welt in Verbindung gebracht – unsere materielle Verengung und unser Ego werden geläutert. Allerdings erreichen wir diese erlebbare Transzendenz nicht durch philosophische Spekulationen oder komplizierte Konzepte, oder gar durch gedankenschwangere Vorstellungen oder verschiedene Gottesbilder. Vielmehr benötigen wir existentielle Erfahrungen an den Rändern unserer Existenz, um einen Zugang finden zu können.