Wie das Rauschen des Meeres sich aus dem Geräusch seiner einzelnen Wellen ergibt, so ergibt sich die Heiligkeit eures Apostolates aus den persönlichen Tugenden eines jeden Einzelnen von euch.

Josemaría Escrivá de Balaguer, Der Weg 960

Vor einigen Tagen wurde das durch die Diözese München und Freising in Auftrag gegebene Missbrauchsgutachten der Öffentlichkeit vorgestellt. Es entwickelte sich daraufhin ein großer Aufschrei, es entstanden Forderungen, Reflexhandlungen und eine aus meiner Sicht in jeder Hinweis schwierige Vermischung von Themen. An dieser Stelle möchte ich auf die verschiedenen Themenkomplexe hinweisen, die sich oft vermischen.

Grundsätzlich ist zu sagen und daran darf kein Zweifel bestehen, dass Missbrauch in den Strukturen der Kirche besonders schwer wiegt. Nicht weil in der Kirche bessere Menschen zu finden sind, sondern weil ihr moralischer Anspruch in einer klaren Weise dem Relativismus eine Absage erteilt. Es ist nicht möglich, einen Werterelativismus abzulehnen und in klarer Weise die Werte zu formulieren, von denen wir glauben, dass sie Richtlinie für die Menschen sein sollten, um diese Werte in unserem Handeln selbst zu relativieren. Wir können nicht unser Gewissen schulen und deutlich machen, dass Unwissenheit nur dann entschuldigend wirken kann, wenn sie unverschuldet ist, und uns gleichzeitig einer naiven Ahnungslosigkeit hingeben oder unsere persönliche Schuld auf institutionelle Strukturen abschieben. Es muss möglich sein, sich dieser Schuld zu stellen, wenn wir nicht hinter unserem eigenen Anspruch bleiben wollen. Es darf keine Beschönigung und keinen Relativismus geben und die Kirche muss den Weg der Aufklärung konsequent weiter gehen.

Ein zweiter Punkt, der übersehen wird, nicht relativiert werden darf, aber dennoch in Bezug zu anderen Faktoren gesetzt werden muss, ist die Betrachtung des Gesamtbildes. Das Gutachten erstreckt sich auf einen Zeitraum von 75 Jahren. Missbrauch von Kindern verjährt üblicherweise nach 10 Jahren, und in besonderes schweren Fällen, nach 20 Jahren. Über diesen Zeitraum hinaus ist es kaum möglich, eine klare Beweislage zu liefern. Wer das Gutachten liest, wird feststellen, dass in mehreren Fällen eine Einschätzung durch die Kanzlei abgegeben wird, aber eine Einschätzung doch keine faktische Beweislage ist. Hier müsste klarerweise, zum Beispiel im Fall des emeritierten Papstes Benedikt XVI., gelten »In dubio pro reo«, und nicht die Unterstellung, hier wären Dinge in fragwürdiger Absicht verheimlicht und vertuscht worden. In mehreren Fällen, in denen der emeritierte Papst davon spricht, keine Kenntnis gehabt zu haben, schätzen die Gutachter diese Aussage als unglaubwürdig ein. Grundlage ist teilweise, was man von Gemeindemitgliedern gehört habe, was erzählt wurde. Ich würde so etwas noch nicht einmal Indiz nennen. Wir reden weiterhin über die größte deutsche Diözese mit 1.700.000 Katholiken und vermutlich über 5000 Ordensangehörigen und Priestern. Hier sind die Fälle, von denen jeder einzelne Fall einer zuviel ist und uns mit Scham belasten muss, in einen Kontext dieser Zahlen zu setzen. Konkret reden wir von 0,03% an Fällen in einem Zeitraum von 75 Jahren. Diese Zahl liegt deutlich unter der anderer Religionsgemeinschaften, was uns darauf hinweist, dass die Melde- und Präventionsstrukturen innerhalb der Kirche im wesentlichen funktionieren und man sich umso mehr um die Analyse der Fehler, die in diesen Fällen gemacht wurden, kümmern kann.

Der dritte Punkt richtet sich an uns Laien. Seit dem II. Vatikanischen Konzil erleben wir Laien oft Höhenflüge. Wir begnügen uns nicht mehr damit, unsere Berufung als Laien zu leben, sondern schwingen uns in die Gremien und an den Altar. Wir wollen Wortgottesdienste (ohne Priester) feiern, wir möchten in Pfarrgemeinderäten und Kirchenvorständen endlich zeigen, wie wichtig uns die Kirche ist und wie berufen wir doch sind, uns auf Augenhöhe mit unseren Priestern bewegen zu können, aber in solch einem Fall? »Von nichts haben wir gewusst«. Wo ist unsere Verantwortung für die Gemeinde, wo haben wir den Mund aufgetan, wenn es um solche Fälle geht? Wie oft ich in den letzten Tagen gehört habe: »Es wussten doch alle, aber was sollen wir schon tun« So geben die Laien ihre oft eingeforderte Verantwortung wieder ab. Wenn es um die unschönen Dinge geht, will niemand mehr Verantwortung haben. Doch wissen wir alle schon aus der Gesellschaft heraus, dass Missbrauch nur dort geschehen kann, wo Menschen die Augen verschließen. Es mag einfach sein, nun alles auf den Klerus zu schieben, aber es ist nichts weiter als eine Ausrede, um seine Hände selbst in Unschuld baden zu können.

Ich bin der festen Überzeugung: Wenn wir einen dieser 3 Punkte vergessen, werden wir aus dem Gutachten nicht die notwendigen Konsequenzen ziehen können, die wichtig wären für die Zukunft. Meine Großmutter hat früher immer gesagt: Fassen wir uns doch erstmal selbst an die Nase.

An dieser Stelle möchte ich auf den überaus lesenswerten Beitrag von Bernhard Meuser hinweisen, der sich konkret auf die einzelnen Inhalte des Gutachtens bezieht: https://neueranfang.online/der-papst-und-die-luegner/