»Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade« (2 Kor 6,2) … Dieses Adverb »jetzt« hat drei Ebenen oder Bedeutungen: eine historische, eine sakramentale und eine moralische. Tatsächlich bezieht es sich vor allem auf die »Stunde«, da Christus für uns am Kreuz gestorben is, d.h. auf das historische Ereignis unserer Erlösung; es bezieht sich dann, an zweiter Stelle, auf die Taufe, in der der Christ »reingewaschen, geheiligt und gerecht geworden« ist (vgl. 1 Kor 6,11); es bezieht sich schließlich auf die Gegenwart, auf das Heute unserer Existenz.

R. Cantalamessa, Das Leben in Christus, S. 76

Wenn uns jemand nach der Geburtsstunde des Christentums fragt, werden wir für gewöhnlich antworten: Pfingsten. Viele auch: der Tod und die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus. Bei weitem ist es allerdings mehr: Die Geburtsstunde des Christentum ist die Heilstat Gottes am Kreuz. Manchmal neigen wir dazu, uns dessen nicht bewusst zu sein: Das Christentum wurde begründet durch die Heilstat Gottes. Gott bewirkt in einem historischen Moment das Heil aller Menschen. Diese Situation verändert Alles. Der Mensch kämpft nicht mehr durch das Befolgen von religiösen Regeln um Gottes Gunst und das Himmelreich, um ein zukünftiges Heil. Nein, dies wurde ihm bereits durch Gott geschenkt, Gott hat „uns zuerst geliebt“ (Joh 4,19). Der Mensch muss einfach Ja zu Gott sagen und dieses Geschenk annehmen. Im eingangs zitierten Werk schreibt Raniero Kardinal Cantalamessa, dass diese Entdeckung für gewöhnlich nicht am Anfang des geistlichen Lebens stehe, sondern erst am Schluß (ebd., S. 73).

In unserer Perspektive tun wir Christen uns oft schwer damit, denn als historisches Ereignis, also jenes Ereignis, das unser Heil ermöglicht hat (ebd., S. 80), steht es eingebettet in eine Kontinuität von Ereignissen und geschieht nicht in einem Raum jenseits von Religion und Kultur. So wie Gott in die Kultur hineinspricht, hat er auch seinen Sohn in das menschliche Leben gezeugt. Unsere protestantischen Geschwister tun sich manchmal schwer damit, Maria als Miterlöserin – als Teil des Erlösungswerkes – zu erkennen, sprechen bisweilen dagegen und leugnen, wenn auch unbewusst, die Menschwerdung Gottes als historische Realität. Denn in der historischen Realität von Gottes Erlösungswerk, das mit der Zeugung Jesu Christi in Maria begann, wurde sie, als die von allen Geschlechtern selig gepriesene (vgl. Lk 1,48), Teil von Gottes Erlösungswerk. Maria lehnte den Herrn nicht ab, sie nahm an, was nach seiner Verheißung geschehen sollte (vgl. Lk 1,38). Sie wird durch eigene Entscheidung Teil des Erlösungswerkes Gottes. Gemeinsames Werk Gottes vollziehen alle Menschen in Freiheit und mit bedachter Zustimmung. Deswegen ist jeder Mensch für sich selbst Miterlöser: wer nicht in Freiheit die von Gott angebotene Erlösung annimmt, dem wird sie nicht aufgezwungen. Christlicher Heilsweg ist immer auch menschliche Entscheidung, denn die Bedeutung von Christi Kreuzigung und Auferstehung wird für den Einzelnen durch sein „Ja“ vollzogene Wirklichkeit. In dem Maße, wie der einzelne Mensch mit seinem „Ja“ in den von Gott gewollten Heilsweg eintritt, hat das „Ja“ von Maria eine Konsequenz für alle Menschen, denn dadurch hat sie den Erlöser geboren (wir müssen an dieser Stelle verstehen, dass dieses Ja das Einfügen in Gottes Plan bedeutet, nicht aber, diesen erst möglich zu machen).

An dieser Stelle ist daran zu erinnern, dass wir grundsätzlich davon sprechen, dass die Heilstat Gottes bereits von ihm vollzogen wurde und allen Menschen angeboten wird, auf dass sie in Freiheit Gott annehmen können und errettet werden. Die Heilstat Gottes vollzog sich in der Vergangenheit, sie anzunehmen ist ein Ereignis in der Lebenswirklichkeit des einzelnen Menschen. Auch im Christentum ist die Realität des Heils, die sich aus der in der Vergangenheit liegenden Erlösungstat Christi ergibt, nicht jedem Getauften gegenwärtig. Wenn es darum geht, den reichhaltigen Schatz der Frömmigkeit in der katholischen Kirche, die seit Jahrhunderten Menschen dabei hilft, ein Leben in Christus zu führen, zu schmälern, entwickelt sich die Argumentationsfigur in Richtung einer klassischen Religion: dieses und jenes wäre alles nicht bibeltreu, z.B. die Heiligenverehrung und deshalb bringe es dich um dein Heil. Hier wurde nicht verstanden, dass uns das Heil bereits geschenkt wurde. Es wird 1. Timotheus 2,5 zitiert: „Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus“. Niemand sonst sei Mittler. Man benutzt dieses Argument, um die Verehrung von Heiligen als Irrweg darzustellen, vergisst aber, dass der Timotheusbrief hier über den historischen Kreuzestod und die Wiederauferstehung spricht und nicht über die persönliche Frömmigkeit. Das geht aus dem nächsten Satz im Timotheusbrief eindeutig hervor:

Denn: Einer ist Gott, / Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: / der Mensch Christus Jesus, der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle

1 Tim 2,5-6