Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein. Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? Da ergriff sie große Furcht und sie sagten zueinander: Wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen? 

Markusevangelium 4,39-41

Es ist eine der zentralen Fragen des Christentums. Die Frage nach dem Wesen Jesu. Viele Christen haben Jahrhunderte darüber nachgedacht und in einem Ringen mit den verschiedenen Positionen gemeinsam zum Ergebnis gefunden, dass Jesus Christus „wahrer Mensch und wahrer Gott“ ist. In Diskussionen verkürzen wir manchmal und streiten dafür, dass Jesus wahrer Gott ist und nähern uns der Gefahr, in Einseitigkeiten zu verfallen und Jesu Menschlichkeit gering zu schätzen. Kritiker des Christentums, die sich besonders auf einzelne Verse konzentrieren und die Gesamtheit der Schrift aus dem Blick verlieren, unterstellen dem Christentum oder der Kirche die Veränderung der biblischen Botschaft. Diese sei ganz klar und unmissverständlich, dass Jesus der Christus ist, der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes, aber niemals Gott selbst.

Spätestens an dieser Stelle sollten wir misstrauisch werden: Die Botschaft sei ganz klar und unmissverständlich ? Hätte das Christentum Jahrhunderte über die Natur Christi gerungen, wenn die Botschaft absolut klar wäre? Bereits im Markusevangelium erleben wir, wie die Jünger in Zweifel sind „Wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?“ Die Jünger waren verunsichert, sie hatten in dieser Situation Angst. Wir sehen anhand dieses Verse im ältesten Evangelium, dass die Menschen merkten: hier ist einer, der mehr als ein Mensch sein muss. Im Matthäusevangelium thematisiert Jesus selbst die Frage: „Für wen halten die Menschen den Menschensohn?“ (Mt 16,13) Die Menschen scheinen unterschiedlicher Ansicht zu sein. Die einen halten Jesus für „Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten“ (Mt. 16,14).

Es wird offensichtlich, dass zu Jesu Lebzeiten die Frage nicht klar beantwortet wurde. Unklarheit und Nachdenken darüber, was Jesus eigentlich ist, begleiteten seine Jünger. Die frühe Kirche und Kirchenväter haben sich ebenfalls um diese Fragen Gedanken gemacht. Es ist auch eine Frage, die für viele Christen am Anfang ihres Glaubenswegen steht. Sie fühlen sich von Jesus selbst gefragt: für wen hälst du mich? (vgl. Mt 16,15) Die Kirche hat es sich in dieser Frage nicht einfach gemacht. Die Kirche entwickelte mit der Zeit das Dogma der Zwei-Naturen-Lehre. Mit diesem Dogma wollte sie klar machen, dass auf die Frage nach der Identität des Christus keine einseitige Antwort gegeben werden, sondern nur mit einem Paradoxon reagiert werden kann: der Aussage, dass Jesus Christus „wahrer Mensch und wahrer Gott“ ist. Der Zugang zu diesem Verständnis ist nicht die Einseitigkeit, Verkürzung oder vielgeliebte Sicherheit; der Zugang zu dieser Erkenntnis ist die Frage nach der Identität des Messias: „Jesus, wer bist du überhaupt?“