Denn wenn wir vorsätzlich sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, gibt es für diese Sünden kein Opfer mehr, sondern nur die schreckliche Erwartung des Gerichts und ein wütendes Feuer, das die Gegner verzehren wird. Wer das Gesetz des Mose verwirft, muss ohne Erbarmen auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen hin sterben. Meint ihr nicht, dass eine noch viel härtere Strafe der verdient, der den Sohn Gottes mit Füßen getreten, das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, verachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat? Wir kennen doch den, der gesagt hat: Mein ist die Rache, ich werde vergelten, und ferner: Der Herr wird sein Volk richten. Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.

Hebräerbrief 10,26-31

Es gibt viele ähnliche Verse – Hebr 6,4-6, Num 15,30, Den 17,12, Hebr 3,12, Hebr 10,18, 2 Petr 2,20, Mt 12,31 – die eindeutig darauf hinweisen: Der Mensch kann sich aus der ewigen Gnade ausschließen und auch wenn er einmal die Wahrheit erkannte, wird er, wenn er sich gegen diese Wahrheit stellt, das Feuer erwarten. Manchmal neigen wir Christen dazu, Gott einseitig zu denken. Wir sprechen von seiner Barmherzigkeit, nicht mehr von seiner Gerechtigkeit. Gott, so wie wir ihn verstehen, ist besonders in der liberalen Theologie der nette Papa. Diese Entwicklung hat auch historische Gründe. Viele Jahrhunderte wollte das Christentum das Evangelium vom Alten Testament trennen. Dafür gibt es keine guten Gründe. Denn es war Jesus, der Gott den Vater liebevoll „Abba“ (aramäisch) nannte. Die Jünger erkannten ebenfalls im Wirken Jesu die Heilsbotschaft Gottes. Das Neue Testament ist voller Verweise auf das Alte Testament, die innere Einheit beider Sammlungen ist Heilige Schrift. Unmöglich, dass hier ein anderer Gott oder Gott anders gedacht werden kann.

Natürlich ist es die frohe Botschaft (Evangelium), die wir als Christen verkünden sollen (Mk 16,15). Es ist nicht die Aufgabe von Christen, die drohende Strafe, die den Menschen nach dem Gesetz zusteht, vordergründig zu verkünden. Vielmehr ist es unser Auftrag zu verkünden, dass Gott will, „dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“ (1 Tim 2,4) In interreligiösen Gesprächen oder den Missionsversuchen anderer Religionen erleben wir keine Selbstverständlichkeit in diesem Ansatz: ist die Angst vor Gottes Gerechtigkeit und dem anstehenden Höllenfeuer in manchen Religionen der treibende Motor für die minutiöse Erfüllung aller religiösen Pflichten. Dennoch ist auch die biblische Botschaft klar: Gott möchte Dich erretten, aber soweit Du nicht gerettet werden willst und sein Angebot ablehnst, steht Dir, auch wenn Du vollumfängliche Einsicht in die Wahrheit hattest, kein Opfer mehr für Deine Sünde zur Verfügung. Denn so wie das Opfer dauerhaft für jeden Menschen angeboten wird, ist es dennoch nicht nur historisch ein einmaliges Geschehen, es steht dem Einzelnen nur einmal zur Verfügung. Der sündige Mensch würde „den Sohn Gottes noch einmal für sich ans Kreuz schlagen“ (Hebr 6,6). Erneutes dauerhaftes, bewusstes Sündigen führt aus der Gnade und damit vor das Gericht, denn ohne sie kann keine „Gnade vor Recht ergehen“.

Wenngleich wir Christen aufgerufen sind, die Heilsbotschaft Gottes zu verkünden, sollten wir nicht die Mahnungen, die sich im Neuen Testament vielfach finden, ignorieren. Gott will das Heil aller Menschen und nicht „dass einer von diesen Kleinen verloren geht“ (Mt 18,14), aber er kann diesen Kleinen nur „auf die Schultern“ (Lk 15,5) nehmen, wenn der Mensch sich in Freiwilligkeit dazu entschließt. Denn wer sich nicht durch die Gnade tragen lässt, der wird „durch das Gesetz gerichtet werden.“ (Rö 2,12)

In diesem Sinne mahnt auch die Kirche ihre Gläubigen, sich nicht durch auf ihrer Taufe auszuruhen und zu glauben, sie wären durch diese bereits errettet. Denn im Denken, Reden und Handeln nicht der Stellung zu entsprechen, die einem durch die Gnadengabe Christi zugeordnet ist – nicht in der Kirche zu verharren –, ihr dem Leibe nach anzugehören, nicht aber dem Herzen nach, führt statt zum Heil zum strengeren Gericht (Lumen Gentium 14).

Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen.

Johannesevangelium 15,4-6