Heißt das nun, dass das Gesetz Sünde ist? Keineswegs! Jedoch habe ich die Sünde nur durch das Gesetz erkannt. Ich hätte ja von der Begierde nichts gewusst, wenn nicht das Gesetz gesagt hätte: Du sollst nicht begehren.

Römer 7,7

Im Wettstreit der Religionen wird die Wahrheitsfrage gerne zugunsten eines gleichmachenden Relativismus beiseite geschoben. Alle Religionen wären gleich oder hätten in ihren Grundzügen einen nur anderen Weg zu Gott. Der Gedanke, dass jeder Weg zu Gott führt, ist Teil der Postmoderne. Es ist eine sympathische Ansicht. Denn in unserem Alltag sind wir als Harmoniebedürftige wenig daran interessiert, andere Menschen vor den Kopf zu stoßen oder sie in Glaubensdingen zu bevormunden. Toleranz ist der höchste Wert. Dabei besagt Toleranz nicht, keinen eigenen Anspruch stellen zu dürfen. Vielmehr bedeutet Tolanz (von „tolerare“, lat.) „Duldsamkeit“, also die Fähigkeit, andere Positionen zu erdulden, auch wenn sie dem eigenen Wahrheitsanspruch widersprechen. Toleranz bedeutet nicht die Annahme eines profillosen Pluralismus, der sich der Wahrheit verschließt, sondern die Haltung des Menschen, vielleicht auch gerade den Wahrheitsanspruch anderer Menschen zu erdulden, auch wenn sie mit der eigenen Überzeugung kollidieren. Interreligiöse Debatten neigen manchmal dazu, diesen Pluralismus zum gemeinsamen Wahrheitsanspruch zu erheben. Nicht selten wirkt für nichtchristliche Gläubige (besonders aus dem islamisch geprägten Umfeld) die scheinbare Lauheit, die sich in einem fehlenden Wahrheitsanspruch zugunsten des Pluralismus äußert, befremdlich, denn für sie ist ganz selbstverständlich, dass von einer Religion überzeugt zu sein zwangsläufig diese Religion als „die eine Wahrheit“ setzt.

Andererseits stellt sich die Frage, ob das Christentum überhaupt Religion ist. In der Geschichte war der Religionsbegriff sehr klar mit dem Christentum verbunden. Die richtige Verehrung des einen Gottes, so bei Augustinus. Dīn ist der Begriff im arabischen Raum und in der indischen Region wird das Wort dharma genutzt, die beide dem Religionsbegriff entsprechen. Interessant ist, dass beide Begriffe ebenfalls auf das Handeln des Menchen abzielen. Dīn meint die Pflichten, die der Mensch Gott gegenüber schuldig ist. Die Beziehung zu Gott gestaltet sich ganz praktisch in der Pflichterfüllung. Der Sanskrit-Begriff dharma meint ebenfalls Gesetz, Recht, Sitte oder auch moralische Verhaltensweisen. In westlichen Interpretationen indischer Spiritualitäten wird in dharma gerne ein Synonym für Selbstverwirklichung gesehen: das, was meinem innersten Wesen und meinen Talenten entspricht, ist mein dharma. Die bittere Realität in Indien zeigt allerdings, dass sich dharma vor allem in der Erfüllung der Pflichten seiner Kaste formuliert, die als von Gott gegeben eingestuft werden. So setzt der Gedanke des Karma-Yoga vor allem an diesem Punkt an, dass Menschen lernen sollen, ohne Eigeninteresse die Pflichten der jeweiligen Kaste zu erfüllen, um dadurch Selbstlosigkeit zu erlangen.

Im weiteren Sinne scheint Religion also immer in einer spezifischen Beziehung zum Erfüllen von sozialen Regeln, Normen und Gesetzen zu stehen. Da diese Regeln als gottgegeben betrachtet werden, drückt sich darin die Beziehung zu Gott aus. Das Christentum wird oft verstanden als eine Religion, die keinen Regeln folgt. Das ist aber zu kurz gedacht. Wir müssen daher schauen, wie sich Theorie und Praxis begründen. Der Atheismus ist beispielsweise ein junges Phänomen, was die theoretische Seite angeht. Dass Leute einem theoretischen Atheismus oder Agnostizismus folgen, wo es nur um die Frage geht, ob es ein schlüssiges Argument für oder gegen Gott gibt, war historisch gar nicht relevant. So schreibt Hans-Jürgen Becker in Einheit und Namen Gottes im rabbinischen Judentum: „ein ,Leugner der Wurzel‘ ist daran zu erkennen, dass er die Gebote des zwischenmenschlichen Miteinanders bricht. Jemand, der dies tut, ignoriert die Gegenwart Gottes, der die Taten seiner Geschöpfe kennt und beobachtet.“ So stellt auch Joseph Ratzinger in Auf Christus schauen. Einübung in Glaube, Hoffnung, Liebe die kritische Anfrage: „Wenn ich also in der Theorie den Agnostizismus gelten lasse, muss ich mich in der Praxis doch zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden: leben, als ob es Gott nicht gäbe, oder leben, als gäbe es einen Gott und als sei er die maßgebende Wirklichkeit in meinem Leben.“

In diesem Zusammenhang wird häufig die Frage diskutiert, ob Christen noch das Gesetz befolgen müssen, denn Christen sind nicht mehr unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade (Römer 6,14). Jesus habe das Gesetz erfüllt, womit sich Christen nicht mehr an das Gesetz halten müssten. Darin zeige sich der scheinbare Unterschied zu vielen Religionen, in denen es darum ginge, das Gesetz zu erfüllen, sich das Himmelreich durch Regeln und Taten zu verdienen. Diese Annahme wirft das Problem auf, dass wie Joseph Ratzinger es schon angedeutet hat, keinen theoretischen Atheismus oder Agnostizismus gibt – und eben auch kein theoretisches Christentum, das in einem Raum jenseits von Regeln und Taten existiert. Im Gegenteil, formuliert es doch eine aktive Moral, die nicht nur vermeidet, sondern aktiv das Gute zu tun verlangt: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!“ (Matthäus 7,12).

Das Gesetz wird im Christentum keinesfalls gering geschätzt, denn „durch das Gesetz kommt (die) Erkenntnis der Sünde“ (Römer 3,20) Das Gesetz und die Vorschriften sind keine qualitative Unterscheidung zwischen dem Christentum und anderen Religionen, vielmehr ist es die notwendige Schlussfolgerung, die wir im gleichen Absatz vom Römerbrief lesen: „Denn durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch vor ihm gerecht sein.“ Genauso müssen wir verstehen, dass das Gesetz niemals aufgehoben wurde, sondern dass es durch den Glauben aufgerichtet ist (Römer 3,31). Der alte Bund wurde durch den neuen für veraltet erklärt (Hebräer 8,13). Aber das Gesetz wird im neuen Bund nicht vergehen oder aufgelöst (Matthäus 5,17-18), sondern in die Herzen der Menschen gelegt werden (Hebräer 10,16).

Es ist meine feste Überzeugung – und die habe ich gerade, weil ich erlebe, wie viele gute und gläubige Menschen durch das Befolgen von äußeren Regeln versuchen, Gott gerecht zu werden oder Gemeinschaft mit ihm zu erlangen –, dass genau das die Botschaft ist, die vielen Menschen fehlt: du kannst dir das Himmelreich nicht verdienen und Du kannst durch das Befolgen äußerer Regeln Gott niemals gerecht werden. Die Regeln werden dir immer zeigen, dass du als Mensch scheiterst und hinter den Maßstäben, die du glaubst erfüllen zu müssen, immer zurückbleibst. Die bibische Botschaft dokumentiert dieses Scheitern seit dem Sündenfall über die Jahrhunderte. Weil der Mensch aus sich selbst heraus verloren ist, geht Gott ihm nach.

„Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße  und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein!  Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.“ (Lukas 15,21-24)