Deshalb, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben.

Röm 5,12

Sprechen wir über das Christentum und die Katholische Kirche, kommt es im Gespräch oft zum Thema der Erbsünde. Menschen neigen dazu, eine vererbte Sünde für ungerecht zu halten. Denn sie entziehe sich der persönliche Verantwortlichkeit. Auf der anderen Seite stellen die Kritiker an diesem Modell fest, dass die Tendenz, Freiheit zu missbrauchen, jedem Menschen förmlich „in die Wiege gelegt wurde“. Hier gibt es nicht die Frage, ob es sündige oder nicht sündige Menschen gibt, „denn alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes“ (Röm 3,23).

Man neigt dazu, die Erbsündenlehre auf Augustinus zurückzuführen. Er habe die lateinische Bibelübersetzung, Vulgata, genutzt, in der eine falsche Übersetzung vorzufinden sei. So heißt es dort: „in ihm (Adam) haben alle gesündigt“ (Röm 5,12). Im griechischen Original steht hingegen geschrieben „weil sie alle gesündigt haben.“ Es wird davon ausgegangen, dass das griechische Original betont, dass durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist, aber der Tod zu allen Menschen durchgedrungen sei, weil alle Menschen gesündigt haben. Nicht durch den einen ist die Sünde auf alle Menschen übergegangen, sondern sie ist durch einen Menschen in die Welt getreten und allen Menschen mit dem Tod vergolten, weil nicht nur (der) eine Mensch gesündigt hat, sondern alle Menschen. An dieser Stelle möchte ich kurz aufzeigen, warum die Unterschiede zwischen der griechischen und lateinischen Übersetzung keine wirkliche Rolle spielen, wenn wir das jüdische Verständnis von Königen und Stammvätern berücksichtigen.

Im Katechismus der Katholischen Kirche wird gefragt, wieso die Sünde Adams zur Sünde aller seiner Nachkommen geworden ist (KKK 404). Hier wird das Verständnis der lateinischen Übersetzung zugrunde gelegt, aber gleichzeitig eine Brücke zur griechischen Übersetzung gebaut. „Das ganze Menschengeschlecht ist in Adam ‚wie der eine Leib eines einzelnen Menschen‘ (hl. Thomas v. Aquin, mal 4.1). Wegen dieser ‚Einheit des Menschengeschlechtes‘ sind alle Menschen in die Sünde Adams verstrickt, so wie alle Menschen in die Gerechtigkeit Christi einbezogen sind.“

Die Sünde existiert im ganzen Menschengeschlecht, alle Menschen seien in die Sünde Adams verstrickt. Vitus Huonder schreibt in seiner Dissertation Israel, Sohn Gottes. Zur Deutung eines alttestamentlichen Themas in der jüdischen Exegese des Mittelalters: „Die Gestalt des Stammvaters spielt … die Rolle einer korporativen Person: in ihm ist das ganze Volk gegenwärtig, und das Volk, die Zahl der Nachkommen des Stammvaters, ist das, was er selbst ist.“ Im gleichen Verständnis ist „der König nicht nur Gebieter sondern auch Verkörperung des ganzen Volkes.“ Hier wird die individuelle wie auch kollektive Dimension ineinander verwoben. In Adam, dem Stammvater des Menschengeschlechts, sind alle Menschen gegenwärtig und so, weil alle Menschen gesündigt haben, kann gesagt werden, dass alle in Adam gesündigt haben.

Die ursprüngliche Gottesebenbildlichkeit (Gen 1,26) wurde verwundet und eine „der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit ermangelnde menschliche Natur weitergegeben“ (KKK 417). In dieser menschlichen Natur begeht der Mensch kleinere wie größere Verstöße gegen das Gesetz Gottes, so „wird jedem vergelten, wie es seine Taten verdienen“ (Röm 2,6). Durch das „Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde“ (Röm 3,20) und der Mensch wird „nach dem Gesetz gerichtet werden“ (Röm 2,12). „Denn der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Röm 6,23). So wurde es den Stammeltern Adam und Eva in 1. Mose 2,17 angekündigt.

Im Römerbrief 6,23 wird sogleich ein Weg aus dieser verhängnisvollen Situation aufgezeigt, „die Gnadengabe Gottes aber [ist] ewiges Leben in Christus Jesus“. So werden durch Christus „die Vielen zu Gerechten gemacht werden“ (Röm 5,19) und „leben und herrschen durch den Einen“ (Röm 5,17). Um diesen Heilsweg etwas verständlicher zu machen, müssen wir uns daran erinnern, was wir über Stammvater und König wissen. Christus ist der König des Universums, die Verkörperung des Gottesvolkes. „Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen“ (1 Kor 12,13). „In ihm [dem König] ist das ganze Volk gegenwärtig“, dessen „Glieder miteinander verbunden“ (Eph 4,25) sind. So wie in der Sünde in Adam die Menschennatur des Todes war, ist durch Christus die Freiheit gekommen. Der Mensch wird dem Tod entrissen und zum ewigen Leben hin wiedergeboren.