Diesen Text habe ich für das Buch Eintreten – Wege in die Kirche von Christoph Soyer (Hg.) geschrieben. Es ist in der Reihe Ignatianische Impulse beim Echter Verlag 2018 in Würzburg erschienen.

Wieso lässt man sich als erwachsener Mann, der völlig kirchenfern lebte, [im Jahr 2014] katholisch taufen? Erstaunlicherweise waren es nicht nur Atheisten oder Konfessionslose, die diesen Gedanken völlig unverständlich fanden. Auch Katholiken und Katholikinnen schienen den Glauben an ihre Kirche so weit verloren zu haben, dass sie trotz der Freude über einen Neugetauften rein rational nicht nachvollziehen konnten, wieso ich diesen Schritt gegangen bin. Kirche, das war für mich eine Institution ohne Spiritualität. Sie widmete sich vorrangig der moralischen Gängelung des Einzelnen und kokettierte mit einer Frömmigkeit, die beim näheren Hinsehen mehr Schein als Sein war. Kirche, das war etwas, das Gehorsam forderte und die Freiheit des Menschen beschränkte.

Vielleicht waren es gerade diese Ansichten, die mich zu einem Leben fern von der Kirche führten. Dieses kirchenferne Leben – und ich kannte die durchzechten Nächte in den Clubs, den Geruch des Geldes und die vermeintlichen Freiheiten des Hedonismus – brachte mich an Grenzen. Der Hedonismus schien wie eine Verlockung, der in einer unendlichen Leere am Ende der Nächte mündete. Die schier grenzenlose Freiheit des Menschen ist immer eine Ideologie der Starken auf Kosten der Schwachen. Die Frage also, ob hierin das Ziel des Menschseins zu suchen ist oder ob es nicht eine andere Sicht auf den Menschen gibt. Wenn ich davon ausgehe, dass der Mensch mehr ist als seine naturwissenschaftliche Fassbarkeit, dann stehen auch Fragen nach dem Tod und der Vollendung im Raum. Neben diesen metaphysischen Spekulationen war für mich die Reflexion über mein Verhalten gegenüber Menschen wichtig. Denn meine »Moral« war durch eine Vorstellung vom »freien Menschen« geprägt. Meine Erfahrung zeigte mir, dass der Mensch nur bedingt frei ist, und so musste ich meinen moralischen Standpunkt neu reflektieren.

Ich entschied, mich mit dem katholischen Standpunkt in Fragen der Moral näher zu befassen. Denn damals schien mir der Katholizismus die Antithese zu meiner eigenen Konzeption von Moral zu sein. Da ich eingesehen hatte, dass mein Verständnis von Moral auf einer fehlerhaften Grundannahme basierte, beschloss ich, mir die kirchlichen Thesen genauer anzusehen. Ein Priester empfahl mir einen Glaubenskurs, das war im Jahr 2011. Gleichzeitig begann ist, den Katechismus schrittweise durchzuarbeiten, um mich über den katholischen Glauben umfassend zu informieren. Während dieser Zeit hatte ich viele Gespräche mit Geistlichen über moraltheologische Ansätze der Kirche. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht verstanden hatte, war, dass mein Ringen um Wahrheit und Moral, also um die Frage, wie sich der Mensch zu verhalten habe, um vor seinem Mitmenschen und vor einem denkmöglichen Gott bestehen zu können, nichts anderes war als die vielen Debatten, die über Jahrhunderte in der Kirche ausgefochten wurden. Interessanterweise stellte ich fest, dass die katholische Moraltheologie wie eine Reflexion meiner eigenen Erfahrungen wirkte. Dass ich in dem, was die Kirche über die Sehnsüchte und Schwächen des Menschen sagt, meine eigenen Reflexionen entdecken konnte. Ich war erstaunt. Dann ich merkte, wie die Lernprozesse meiner eigenen Lebens zu einer inneren Überzeugung reiften, die sich im Glauben der Kirche wiederfand.

Allerdings gab es aucch Punkte, wo ich in eine völlig andere Position als das Lehramt hatte. Die waren so massiv, dass ich beschloss, den Taufkurs abzubrechen. [Die Klärung dieser Punkte schien längere Zeit in Anspruch zu nehmen.] Ich fing an, mich etwas tiefer in einzelne Themen hineinzuarbeiten. Eine Taufe, die für mich vollumfängliche Zustimmung mit den von mir verstandenen Lehren bedeuten würde, hätte es zu diesem Zeitpunkt nicht geben können. Mein Gewissen stand dem entgegen. Ich vertiefte mich viele Monate in verschiedene theologische Werke, bis ich auch die für mich problematischen Aussagen im Katechismus zumindest so weit verstanden hatte, dass sie einer Taufe nicht mehr im Weg standen. 2013 begann ich also meinen zweiten Taufkurs. In diesem Moment war mir klar, dass mich mein Ringen um Gott und um das rechte Verständnis der Lehre – aber auch die vielen Zweifel – bereits geistlich in der Kirche verwurzelt hatten, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht getrauft war. Insofern war auch die Frage am Ende des Taufkurses, ob man sich für eine Taufe entscheidet, für mich nur noch eine Formalie, da Gottes Geist in mir zuvor die Einsichten bewirkte, die das Bindeglied zwischen der Kirche und der Welt darstellen.